Die deutsche Chemieindustrie kämpft seit Jahren mit hohen Energiekosten, schwacher Nachfrage und internationalem Wettbewerbsdruck. Doch der Branchenprimus BASF lieferte jüngst wieder überzeugende Geschäftszahlen, die Mut machen sollten. Springt die deutsche Konjunktur nachhaltig an, könnte der Ludwigshafener Konzern zu den frühen Profiteuren gehören.
Die Chemieindustrie gilt als Seismograf der Konjunktur. Kaum eine andere Branche ist so eng mit der Entwicklung der gesamten Wirtschaft verflochten. Ziehen etwa Automobilbau, Maschinenbau und Bauwirtschaft an, erhöht sich der Bedarf an Kunststoffen, Beschichtungen, Spezialchemikalien und chemischen Vorprodukten. Hinzu kommt, dass Unternehmen bei verbesserten Geschäftsaussichten ihre zuvor reduzierten Lagerbestände wieder auffüllen. Entsprechend früh bekommt die Chemiebranche eine wirtschaftliche Abschwächung zu spüren. Umgekehrt kann sie zu den ersten Gewinnern zählen, wenn die industrielle Nachfrage wieder anzieht.
Nach Jahren wirtschaftlicher Stagnation mehren sich die Anzeichen einer konjunkturellen Erholung in Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im dritten Quartal im Vergleich zum Vorquartal um 0.2 Prozent zu. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs die deutsche Wirtschaftsleistung sogar um 1.3 Prozent. Der ifo-Geschäftsklimaindex, Deutschlands wichtigster Konjunkturindikator, verbesserte sich im Oktober bereits den sechsten Monat in Folge und erreichte mit 90.2 Zählern ein 3-Jahres-Hoch. Der Einkaufsmanagerindex für die deutsche Industrie kletterte im Oktober auf 54.2 Zähler und erreichte damit den zweithöchsten Stand seit knapp viereinhalb Jahren. Werte oberhalb von 50 signalisieren wirtschaftliche Expansion.
Der weltgrösste Chemiekonzern BASF hat schwierige Jahre hinter sich. Hohe Energiepreise, eine schwache europäische Konjunktur und zunehmender Konkurrenzdruck aus China belasteten das Geschäft. Besonders der deutsche Heimatstandort geriet unter Druck. BASF reagierte mit Kostensenkungen, einer Neuausrichtung des Portfolios und umfangreichen Restrukturierungen. Nun mehren sich die Anzeichen, dass die Massnahmen Wirkung zeigen. Die Ende Oktober veröffentlichten Geschäftszahlen für das dritte Quartal des Geschäftsjahrs 2026 fielen überraschend robust aus. Der Umsatz kletterte im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent auf 16.4 Milliarden Euro. Das um Sondereinflüsse bereinigte operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) verbesserte sich um 15 Prozent auf 1.6 Milliarden Euro. BASF hob daraufhin seine Jahresprognose an und erwartet für 2026 nun ein bereinigtes EBITDA zwischen 7.4 und 7.8 Milliarden Euro – zuvor 6.9 bis 7.7 Milliarden Euro. Allerdings sind die Restrukturierungen noch nicht abgeschlossen. Der Konzernumbau verschlingt weiterhin Geld, weshalb der Chemieriese im dritten Quartal unter dem Strich lediglich 155 Millionen Euro verdiente.
Doch kommt es nun zu einem nachhaltigen Aufschwung der deutschen Wirtschaft, dürfte der sogenannte Frühmover-Effekt bei BASF besonders ausgeprägt sein, da der Konzern gleichzeitig seine Kostenbasis reduziert. Füllen sich die Auftragsbücher der Chemiehersteller, wirkt ein Konjunkturaufschwung häufig wie ein Hebel. Chemieanlagen verursachen hohe Fixkosten. Steigt die Auslastung, verteilen sich die Kosten auf grössere Produktionsmengen, wodurch zusätzliche Umsätze überproportional zum Ergebniswachstum beitragen.
Hinzu kommt bei BASF eine interessante Chart-Konstellation. Im April scheiterte die Aktie erneut daran, die Marke von 55 Euro nachhaltig zu überqueren. Bereits 2023, 2024 und 2025 ging dem Papier in diesem Bereich die Puste aus. Im April kletterte die Aktie bis auf 55.05 Euro und verfehlte das Viereinhalb-Jahres-Hoch bei 55.06 Euro denkbar knapp. Aktuell notiert die Aktie knapp unterhalb der Marke von 54 Euro. Die Voraussetzungen für einen erneuten Angriff auf die Barriere sind angesichts der erfreulichen Geschäftsentwicklung recht vielversprechend. Gelingt der Ausbruch nach oben, wird ein kräftiges Kaufsignal generiert. Gleichzeitig würde sich dann Kurspotenzial bis zum Hoch aus dem Jahr 2022 bei 69.15 Euro eröffnen. Auf der Unterseite könnte die aktuell bei 51.91 Euro verlaufende 38-Tage-Linie für Halt sorgen.